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Der Süderlandweg

Von Erich Ehlers und Helmut Robitzky

Viehtreiberweg von Meldorf nach Itzehoe und Hamburg - Handelsweg vergangener Zeiten

Der Gasthof von Heinrich Tetzner am Süderlandweg in Farnewinkel war Anlaufstelle einer Postkutsche, die zwischen Meldorf und Süderhastedt verkehrte. Die Aufnahme entstand um 1900.

Wer auf der Grenze zwischen Nindorf und Meldorf den Grenzweg und nach Überschreitung der Wolmersdorfer Straße dem Süderlandweg, einer  reizvollen Route bis zur Einmündung in die Farnewinkler Straße folgt, genießt in vollen Zügen die Verwöhnung einer anheimelnden naturnahen Knicklandschaft mit schönem, teilweise alleeartigem  Baumbestand.

Heute deutet nichts auf einen aus der Historie bekannten Viehtriebs- und Handelsweg (alter Ochsenweg) hin, einem Weg zum Transport des Vermarktungsviehs von Meldorf nach Itzehoe und Hamburg. Und dennoch bewegten sich auf dieser Strecke von etwa 3,5 Kilometern unter den anfeuernden Rufen der Treiber lärmende Viehherden, in der Regel auf ihrer buchstäblich letzten Reise zur  Schlachtbank, zu einer Zeit, als es einen  motorangetriebenen Transport noch nicht gab. Allein dieses kurze bis etwa 1980 noch unbefestigte Teilstück hat sich in seinem ursprünglichen Verlauf als Restbestand einer langen Wegstrecke erhalten.

Der Ochsenweg

Die Entstehung des historischen Ochsenweges hat seinen Ursprung in der Geschichte und nicht zuletzt in der den Dithmarschern nachgesagten Bauernschläue: Die früher auf dem Gut Hanerau, im heutigen Hademarschen lebenden Grafen zu Rantzau übten ihr Zollrecht über den damals einzigen nutzbaren Handelsweg bei Grünental (lübsche Trade) aus. Nach der Niederwerfung der Dithmarscher im Jahre 1559 hielten sich die Rantzauer Gra­fen nicht mehr an die Vereinbarungen des Zollab­kommen von 1474 und verlangten einen höheren Wegezoll, zum Schaden der Bauern.

Als Folge dieser aus Dithmarscher Sicht nicht akzeptierten Mehrleistung kam es zu  Auseinandersetzungen und Streitigkeiten. Daraufhin wandten sich die Dithmarscher an den Dänenkönig, der im Jahr 1577 verständnisvoll den Bau eines neuen Handelsweges unterstützte und befürwortete. Dieser Weg führte über den bereits beschriebenen Süderlandweg und hatte in Richtung Krumstedt zunächst die Spütjenau (früher Heserbeck) zu überwinden. Dieses geschah mit einem Damm und einer Furt. Über in den Nachkriegsjahren zunächst noch erkennbare so ge­nannte Stappsteine gelangten Fußgänger trockenen Fußes über den Bach.

Die Wegtrasse führte weiter über den Krumstedter Sandberg bis zum Eggstedter Holz. Ein heute noch erkennbarer aufgeschütteter Damm diente zur Überquerung des Tales der damals noch bis Schafstedt schiffbaren Holstenau. Wo heute die Autobahn (A 23) den Nord-Ost­see-Kanal überquert, befand sich früher der weitere Verlauf des Süderlandwegs.

Altes Kartenmaterial offenbart das Zusammentreffen des Süderlandwegs (Königsweg) bei Schafstedt mit einem weiteren von Nordhastedt über Röst führenden Handelsweg. Außerhalb Dithmarschens baute man auf Holsteiner Seite eine Abzweigung über Bockhorst nach Schenefeld. Der Hauptweg ver­lief über Gribbohm, Wacken und Heiligenstedten nach Itzehoe. Auch auf Holsteiner Seite erforderten Flussniederungen das Aufschütten von Dämmen. Über die Bekau errichtete man eine Brücke.

Im Ortsteil Farnewinkel erinnert ein Wegweiser an die ehemalige Handelsstraße.

Der Spaziergänger passiert zunächst auf hohem Geestrücken die Kuppe des Rammberges, die nördlich vom Weg am Ende einer durch umfangreichen Kiesabbau entstandenen Kuhle als Überbleibsel einer vormals imposanten Erhöhung zu erkennen ist. Gleich nach Überquerung der Wolmersdorfer Straße lässt sich die ursprüngliche Erhebung des Rammberges zur linken Hand heute nur noch erahnen. Allein ein vorgeschichtlicher Grabhügel aus der Bronzezeit erinnert an eine religiöse Kult- und Huldigungsstätte für germanische Gottheiten und an den gewaltsamen Feuertod des Hussiten Johannes Marquardt Grove am 23. Juni 1466.

Zwei durch die Tongewinnung entstandene kleine Seen laden zum Verweilen und beobachten ein. Auf der Höhe des vom Ortsteil Nindorf heraufkommenden Ziegeleiwegs zieren insbesondere über hundert Jahre alte Eichen den Wegrand und die Knicks. Und zwei in einem Bauerngehölz (Ziegeleiwald) gelegene Hügelgräber auf der Südseite des Weges, erinnern an eine Besiedlung dieser Landschaft in der Vorgeschichte.

Der Süderlandweg dehnt sich hier auf einer längeren Wegstrecke besonders breit aus und verfügt auf beiden Seiten über einen vegetationsreichen Streifen, angereichert mit Büschen, Sträuchern und Bäumen, einem  Eldorado für Wild, Vögel und Kleintiere. Neben der Hauptspur des heutigen Betonplattenweges haben sich un­ter den Büschen und Sträuchern vereinzelt die Vertiefungen aus Abdrücken weiterer Wagenspuren erhalten, ein Hinweis auf  eine zweite Wegespur damaliger Zeit.

Gleich hinter dem Bauernwald neigt sich der Weg dem Ortsteil Farnewinkel entgegen und   die Landschaft öffnet sich mit einem weiten Blick über die Niederung des ehemaligen Windberger Sees. Vom Horizont des gegenüberliegenden Geesthangs grüßen Bauernhäuser der Gemeinde Windbergen aus ihrem Ortsteil Schmalbek herüber.  Auf jetzt asphaltiertem Weg gelangt man zum Ortsteil Farnewinkel und schließlich auf die Chaussee Farnewinkel - Krumstedt.

  • Die Nindorfer Tonkuhle ist die älteste der drei im Bereich der ehemaligen Ziegelei, ein Schmuckstück eingerahmt von alten Bäumen.
  • Im Winter: Auf Höhe der ehemaligen Ziegelei säumen knorrige Eichen den Süderlandweg
  • Zweite Wegespur, Foto: Wolfgang Mohr

Die Modernisierung des Straßen- und Wegenetzes, der Bau der Bundesstraße 431, Flurbereinigungen und andere landschaftsverändernde Maßnahmen sind ursächlich verantwortlich für das Verschwinden der Wegführung des Süderlandweges aus der Historie.  Nur zwischen Nindorfs Ortsteil Farnewinkel, Wolmersdorf und Meldorf ist der oben beschriebenen Weg, früher auch als Königsweg, Ochsenweg oder Landweg bezeichnet, noch erhalten. Diese reizvolle Strecke von Meldorf nach Farnewinkel nutzen heute nur noch Landwirte zur Bestellung ihrer anliegenden Äcker, sowie Radfahrer und Spaziergänger.

Geesthangkuppe im Bereich des Ziegeleiwaldes, als der Weg noch unbefestigt war, Aquarell: Helmut Robitzky

In den vergangenen 120 Jah­ren bestand für die bisher unberührte Wegführung des Süderlandweg zwischen dem Ortsteil Farnewinkel und Mel­dorf schon dreimal die Gefahr einer Veränderung. Eine Verwirklichung und Umsetzung der seit 1892 in Planung befindlichen Kleinbahn von Meldorf durch den Süderlandweg nach Burg verhinderte letztendlich der Ausbruch des ersten Weltkrieges im Jahr 1914, als die bestehenden Pläne buchstäblich aufs Eis gelegt wurden. Bereits 1907 standen die Pläne unter Vorlage von Wirtschaftlichkeitsgutachten des Kreises Süderdithmarschen auf einer Versammlung von Ver­tretern aus 15 Bauernschaften in der Krumstedter Gaststätte zur Diskussion mit dem Ergebnis, dass die weitere Planung und Durchführung des Vorhabens voranzutreiben sei. Als Folge der Kanalverbreiterung in 1908 und dem Abriss der Drehbrücke bei Eddelak stand für eine Trassenführung von Meldorf nach Itzehoe der Süderlandweg ebenfalls zur Debatte. Stattdessen erfolgte jedoch ein Ausbau der Marschbahn über Wilster und Hochdonn.

Um 1960 schließlich erwog  man den Verlauf der damaligen Bundesstraße 431 ab der Gaststätte „Zum Jagdhorn" in Farnewinkel durch den Süderlandweg zu verlegen. Trassenpfähle markierten bereits den neuen Straßenverlauf, der zwischen Nindorf und Meldorf an unbebauter Stelle die derzeitige Straßenführung queren und hinter dem Auhof die B 5 erreichen sollte. Eine Südumgehung von Mel­dorf stand seinerzeit ebenfalls zur Diskussion, und mit den Anliegern dieser Trassenführung führte man bereits Kaufgespräche. Doch auch diese Pläne wurden letzt­endlich verworfen.