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Fritz Thiedemann und Meteor, zwei Sterne im Reitsport - eine sagenhaft anmutende Symbiose zwischen einem Springreiter und seinem Pferd -

Von Helmut Robitzky

Beinah unglaublich, einer Legende gleich, klingt die beispiellose Springreiterkarriere um den Weddinghusener Fritz Thiedemann mit seinem hellbraunen Holsteiner Wallach „Meteor“.

Erst 1951, in seinem achten Lebensjahr, gelangte Meteor unter die Fittiche des großartigen Springreiters. Meteor kam am 12. Mai 1943 im Pferdestall des Nindorfer Landwirts Otto Dreeßen zur Welt. Er hörte zunächst noch auf den Namen Moritz und bewegte in seinen ersten sieben Lebensjahren im Status eines Arbeits- und Nutzpferdes vorwiegend Einspänner, Pflug, Egge, Wagen und Maschinen. Lediglich an Sonntagen trainierte Ernst-Otto Dreeßen, der Sohn des Eigentümers, das Pferd für den Reitsport. Gemeinsam mit seinem Jugendfreund Ernst-Hinrich Krogmann bestritt Ernst-Otto Dreeßen auf Moritz Springen in der näheren Umgebung seines Heimatortes Nindorf bei Veranstaltungen, die er ohne Motorkraft erreichen konnte.

Ernst-Otto Dreeßen und Moritz in Aktion

Ein verregneter kühler Sonntag im März 1950 leitete das absolute Erfolgserlebnis seines Reiterlebens ein, sorgte aber auch für einen abrupten schmerzlichen Abschluss. Ein Turnier in Meldorf mit einem Rekord-Hochspringen als Höhepunkt der Veranstaltung in der Reithalle (heute „Dithmarschenhalle“), als erstes Pferdesportereignis des Jahres dieser Art in der Dom-Stadt, stellte Ernst-Otto Dreeßen und Moritz auf die Probe. Von hoher Prominenz beobachtet, wuchsen Ross und Reiter über sich hinaus und gewannen das Springen mit einer für diese kleine Halle für unmöglich gehaltenen Höhe von 1,80 Metern. Ernst-Otto erlebte diese Momente wie in Trance und konnte kaum begreifen, was ihm mit Moritz gelungen war. Die Begeisterung der Zuschauer fand keine Grenzen, sie honorierten die Leistung mit nicht endend wollendem Beifall. Es war einer der schönsten und glücklichsten Augenblicke im Leben des jungen Reiters.

Doch dem himmelhoch jauchzenden Gefühl folgte eine zu Tode betrübte Stimmung auf dem Fuße. Der historische Sprung des Pferdes über das Hindernis von 1,80 Metern war Kennern des Pferdesports nicht verborgen geblieben. Kein geringerer, als der damals bereits prominente Fritz Thiedemann, bekannte in seinem später verfassten Buch („Mein Freund Meteor“) sein unmittelbares Interesse an dem braunen Wallach. Bereits 2 Tage nach Ernst-Ottos Triumph mit Moritz erhielt der Vater des Reiters ein derart verlockendes Kaufangebot für das Pferd, dem er nicht widerstehen konnte. Moritz wechselte nicht nur seinen Eigentümer, sondern auch seinen Namen. Er hieß fortan Meteor. Der Landwirt Willy Brandt aus dem Sönke-Nissen-Koog erwarb das Pferd für seine reitinteressierten Töchter, und für Moritz, alias Meteor, endete gleichzeitig sein Lebensabschnitt als Arbeitspferd. Noch im gleichen Jahr gelangte Meteor durch Teilübertragung zur Hälfte in das Eigentum des Deutschen-Olympiade-Komitees und damit in den Machtbereich Fritz Thiedemanns.

Altbauer Otto Dreeßen gratuliert Fritz Thiedemann und seinem Moritz, alias Meteor, zu einem der vielen Siege

Unter Fritz Thiedemann avancierte Meteor zu einem Volkssymbol und zu einem der berühmtesten und erfolgreichsten Springpferde der Welt. Der Reiter und sein Pferd kompensierten zehn Jahre lang eine Ausstrahlung sportlicher Höchstleistungen mit sympathisch bemerkenswerter Bescheidenheit und Freundlichkeit. Sie errangen insgesamt 150 Siege, ein bis dahin weltweit nicht übertroffener Rekord. Fritz Thiedemann und Meteor fesselten eine ganze Nation mit ihrer ausstrahlenden Siegermentalität.

Die sportliche Karriere Fritz Thiedemanns kompensierte sich dabei ursächlich zu einer verschmolzenen Einheit mit den leistungsfähigsten Lebensjahren Meteors, dem er ein selbstverfasstes Buch widmete („Mein Freund Meteor“). Die Robustheit Meteors, die sich insbesondere in einem Gewicht von 13 Zentnern wiederspiegelte, trug Meteor im Volksmund den liebevollen Namen „Der Dicke“ ein. Fritz Thiedemann erlangte mit Meteor weltweit herausragende und bemerkenswerte Triumphe. So gewann er 1954 mit seinem Pferd als erster deutscher Reiter in London den King George Cup, den er aus den Händen von Königin Elisabeth von England entgegennehmen durfte. Kaiserin Soraya von Persien ehrte und zeichnete die beiden ebenfalls für einen herausragenden Sieg aus.

Als Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg in Trümmern lag, von sportlichen Ereignissen zunächst ausgeschlossen, drangen Meteor mit Fritz Thiedemann und Halla mit Hans-Günter Winkler für Deutschland aus dem Nichts an die Weltspitze des Reitsports. Sie sorgten für ein Aufleben des Wertegefühls in der deutschen Bevölkerung, ähnlich der deutschen Fußballnationalmannschaft, die 1954 aus einer Außenseiterposition Weltmeister wurde. Die Stute Halla genoss unter Hans-Günter Winkler, ähnlich wie Meteor, Weltruhm durch einige spektakuläre Siege. Sie brachte es insgesamt auf 125 siegreiche Springen. Meteor avancierte spätestens dann zum Fernsehstar, als er das an der Anzahl seiner Siege gemessene englische Pferd „Foxhunter“ überrundete. Die mit 112 Siegen schließende Bilanz Foxhunters galt seinerzeit als uneinholbar. Als Fritz Thiedemann 1958 mit Meteor die offizielle Europameisterschaft gelang, honorierten die deutschen Sportjournalisten dieses mit einer ihrer höchsten Auszeichnungen. Sie wählten Fritz Thiedemann zum Sportler des Jahres.

Nach kurzem Kennenlernen und gemeinsamem Training nahmen Fritz Thiedemann und Meteor in 1952 bereits an den olympischen Spielen in Helsinki teil. Völlig unerwartet gewann das Gespann die Bronzemedaille im Einzelspringen. Gold verpassten Pferd und Reiter nur um Haaresbreite und um wenige Zentimeter am Wassergraben. Nach fehlerlosem erstem Ritt hatten sie noch in Führung gelegen. Fritz Thiedemann glänzte bei den Spielen in Helsinki im Übrigen ebenfalls mit dem Pferd „Chronist“ in der Dressur. Er belegte auch hier einen beachtenswerten dritten Rang, ein hervorragendes Zeugnis für seine außerordentlich hohe Reiter-Qualifikation. Mit der erfolgreichen Teilnahme sowohl in der Dressur, als auch im Springreiten bekleidet Fritz Thiedemann bis heute eine Ausnahmestellung in der Reitsportgeschichte. Diese Leistung gelang bisher keinem weiteren Reiter.

Fritz Thiedemann auf Meteor bei den separaten olympischen Reiterspielen in Stockholm

Nach den olympischen Spielen in Helsinki begeisterten Ross und Reiter auch bei den separaten olympischen Reiterspielen in Stockholm (1956) und bei den olympischen Spielen in Rom (1960). Fritz Thiedemann führte dabei als Fahnenträger die deutsche Mannschaft bei den Eröffnungsfeiern an.Bei beiden Spielen errangen sie zusammen mit der Mannschaft die Goldmedaille, im Einzelspringen belegten sie die Plätze vier (Stockholm) und sechs (Rom). In Stockholm behinderte Thiedemann und Meteor ein heftiges Regenschauer, das ausgerechnet während ihres ersten Rittes herniederprasselte und ihnen 8 Fehlerpunkte einbrachte. Wer weiß, wie die Platzierung ohne diese Beeinträchtigung ausgegangen wäre? In Rom befand sich Meteor mit bereits Siebzehn Jahren in einem ausgesprochenen Seniorenalter für Springpferde.

Wie leergefegt zeigten sich die Straßen in Städten und Dörfern bei internationalen Reitturnieren. Das „Erste Deutsche Fernsehen“ agierte damals bis 1963 als einzige Fernsehanstalt mit lediglich einem Programm und übertrug sportliche Großereignisse auch außerhalb des normalen, von 17 bis 22 Uhr dauernden Sendeprogramms. Die Gaststuben der Wirtshäuser konnten die vielen Reitsportinteressierten kaum aufnehmen. Der Nindorfer Gastwirt Otto Stange verfrachtete seinen Schwarzweiß-Fernseher mehrfach kurzerhand auf den Saal, der nicht selten mit Zuschauern aller Altersklassen bis auf den letzten Platz besetzt war. Otto Stange verlangte keinen Eintritt. Den Eintritt hatte man mit der Bestellung zumindest eines Getränkes abgegolten. So lauschten dann auch viele Jugendliche über den Zeitraum von manchmal mehr als zwei Stunden gespannt und aufgeregt dem Sportgeschehen, sich zeitüberbrückend und zurückhaltend mit kleinen Schlucken an einer Flasche Coca Cola oder Sinalco beschäftigend. Der Erwerb des Erfrischungsgetränks riss dabei vielen bereits ein Loch in ihr Taschengeldkontingent, obwohl es - im Vergleich zu heute - damals nur 50 Pfennige (25 Cent) kostete. Vielen Menschen blieb aus finanziellen Möglichkeiten lediglich die weniger Genuss versprechende Rundfunkübertragung als Informationsquelle. Das Fernsehen steckte damals noch in den Kinderschuhen und die Erwägung der Anschaffung eines Fernsehgerätes lag für viele noch im Bereich der Träume.

Aus der Hand Königin Elisabeths empfing Fritz Thiedemann den goldenen King George V. Cup

Fritz Thiedemann setzte Meteor in den Ruhestand, als Meteor 1961 den Zenit seiner sportlichen Leistungsfähigkeit überschritten hatte. Thiedemann selbst beendete kurz danach seine Karriere und trat ebenfalls vom aktiven Reitsport zurück. Als Meteor, der nach seinem sportlichen Abschied sein Gnadenbrot im Elmshorner Stall von Fritz Thiedemann genossen hatte, im Jahr 1966 verstarb, ging ein märchenhaft, ungewöhnlich anmutendes Pferdeleben zu Ende. Zu Ehren des berühmten Ausnahmepferdes erinnert in Kiel vor dem Landwirtschaftsministerium ein lebensgroßes Bronzeabbild als Denkmal, in Elmshorn ein Gedenkstein und in Meldorf an der Dithmarschen-Halle, der Stätte des ersten spektakulären Sieges unter Ernst-Otto Dreeßen, eine steinerne Platte mit dem Konterfei Meteors. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat als besondere Ehrung den Namen „Meteor“ für Pferde gesperrt, die zu Wettbewerben antreten.

Die Beeinflussung des Werdegangs und der Karriere Meteors, wie sein Name ab dem 7. Lebensjahr klangvoller lautete, fußt somit auf eine glückliche Verkettung begünstigender Zufälle und Umstände während der ersten Lebensjahre des Pferdes. Bei einem um einige Monate früheren Geburtstag des Pferdes hätte ihm zum Beispiel der Einzug zur Wehrmacht drohen können. In Ermangelung von Fahrzeugen hatte die Wehrmacht im Jahr 1941 etwa 650.000 Pferde im Einsatz, 1944 waren es dagegen bereits über 2 Millionen Pferde. Angesichts der äußersten Beanspruchung der Pferde im Militäreinsatz, stand den Tieren laut statistischen Erhebungen im Schnitt eine Lebenserwartung von nur 4 Jahren bevor. Mit einem Gefühl des Grauens wird wohl auch jeder zur Kenntnis nehmen, dass etwa 63% aller im Krieg verwendeten Pferde Opfer der Kampfeshandlungen wurden und ihren unfreiwilligen Einsatz mit ihrem Leben bezahlten.

Eine Ausschlag gebende Voraussetzung für den außergewöhnlichen Ruhm und Glanz im Rampenlicht für Fritz Thiedemann und Meteor lag zweifellos in der Person von Ernst-Otto Dreeßen, ohne dessen nicht selbstverständliche Reitsportambitionen Meteor wahrscheinlich lediglich als Ackergaul in der Versenkung verschwunden wäre. Als Fazit kann man feststellen, dass Ernst-Otto Dreeßen am Erfolg seines „Moritz“ durch sein zweifellos vorhandenes Gespür im Umgang mit Pferden und seinen Ambitionen zum Reitsport wesentlichen Anteil hatte. Ernst-Otto Dreeßen hat in Nindorf mit „Moritz“ fast sieben Jahre lang eine wertvolle Perle gezüchtet und entwickelt, die Fritz Thiedemann anschließend unter dem Synonym „Meteor“ in Gold fasste. Als die Medien nach dem 10. Januar 2000 die traurige Nachricht vom Tod Fritz Thiedemanns verbreiteten, erinnerte sich insbesondere die Nachkriegsgeneration mit Wehmut und Hochachtung an das sportliches Idol ihrer Jugend. 

Verwendete Quelle: „Mein Freund Meteor“ von Fritz Thiedemann